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am 23. April

Einweihung der Jakov-Lind-Straße

Uschi Lichtenegger, Konrad Tolar - Am Dienstag, den 9. April, wurde nachträglich die Jakov-Lind-Straße am Nordbahnhof eingeweiht. Dort und beim zweiten Teil der Veranstaltung, der im Literaturhaus im 7. Bezirk stattfand, kamen auch die Angehörigen von Jakov Lind zu Wort. Im Literaturhaus wurde auch mit einer Lesung von Robert Schindel an Jakov Lind erinnert.

Teil des kollektiven Gedächtnisses Wiens
Nach seinen Reisen habe ihr Vater in Wien eine Adresse erhalten. So formulierte seine Tochter, dass sich nach dem Ende des Lebens ihres Vaters ein Kreis geschlossen hatte. Die Jakov-Lind-Straße in der Nähe der Stätten seiner Kindheit wurde ihrem Namensgeber schließlich nach einem bewegten Leben, das ihn zur Verstellung und zum Ortswechsel gezwungen hatte, zuteil.

Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger sieht Jakov Lind spätestens seit der 2009 erfolgten Straßenbenennung als Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt. Nach dem Krieg habe man Lind lange ignoriert. Er habe die Stadt nach einem Aufenthalt 1954 wieder verlassen. Erst ab 1984 habe man Lind mit Auszeichnungen von österreichischer Seite gewürdigt. Heute gibt es in der Leopoldstadt und gerade in der Gegend des ehemaligen Nordbahnhofs das Bestreben, an die Geschichte zu erinnern und die Diversität zu fördern. So werden Straßen nach geschichtsträchtigen Orten benannt und alte Einrichtungen wie die Zwi-Perez-Chajes-Schule wieder aufgenommen. Vielleicht würde Jakov Lind heute wieder in Wien leben wollen, so die Bezirksvorsteherin.

Verfolgung und Identitätswechsel
1927 in Wien geboren, musste Lind sich mit geändertem Namen als Landarbeiter und Matrose am Rhein vor den Nazis verstecken. Sein Leben war von Reisen durch Europa und nach Übersee geprägt. Schließlich ließ er sich in London nieder. Die Bezirksvorstehung Leopoldstadt, die Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Exilbibliothek und Jewish Welcome Service erinnerten gemeinsam an den Schriftsteller, Maler und Filmemacher, der sich im Umkreis der Gruppe 47 bewegte und den Bekanntschaften unter anderem mit Erich Fried, Elias Canetti und Robert Schindel verbanden. Lind schrieb in deutscher und englischer Sprache, insbesondere Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane, eine autobiografische Trilogie und Theaterstücke.

Blick zurück auf Wien
In den Worten seiner Tochter war Jakov Lind Liebhaber von Kaffeehäusern, der im Herzen Wiener geblieben sei. Die Erfahrung der Verfolgung ließ ihn nie los. Seine ehemalige Heimat stinke nach Gas, gab Oscar Bronner, Standard-Herausgeber und Weggefährte Linds, eine Ansicht des Freundes wieder. Lind war voll von Geschichten, so Bronner, und er habe die Geschichten immer wieder erzählt, bis sie reif zum Aufschreiben waren. Flucht, Heimatverlust und Identitätskrise waren Themen in seinen Werken.

Robert Schindel las im Literaturhaus Wien aus Linds Erzählung "Die Auferstehung". Die Enge des Verstecks unter der Okkupation wurde dabei fühlbar wie auch die absurde Notlage der Verstellung. Der Husten des Protagonisten, der an Tuberkulose litt, bedeutete gleichzeitig das Atmen und den Willen zum Leben, aber auch die Gefahr, sich gegenüber der Besatzungsmacht zu verraten. Das Ende der Lesung zeigte, ob und in welcher Form eine Auferstehung in Zeiten der Verstellung und Verwechslung eintreten kann.

Aus der Sicht des literarischen Publikums darf man jedenfalls gespannt sein, was die zukünftige Auseinandersetzung mit Jakov Linds Schaffen betrifft. Eine Neuausgabe seiner Werke wurde am Ende der Veranstaltung angekündigt.