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am 18. März

Interview mit Sandra, der Frau des Jahres 2020

Nina Nöhrig - Unsere Frau des Jahres 2020 ganz persönlich

​​Wie bist du dazu gekommen, Führungen bei SUPERTRAMPS zu machen?

Meine Schwester Renate wurde vor ein paar Jahren Guide bei SUPERTRAMPS und erzählte mir, wie sich dadurch ihr Selbstwertgefühl gesteigert hat. Ich war skeptisch und muss gestehen, dass ich mir das anfänglich einfach mal ansehen wollte, um sicherzugehen, dass es ihr dort auch wirklich gut geht. Aber schon beim ersten Treffen mit den SUPERTRAMPS war auch ich sehr begeistert davon, alle Sorgen waren verflogen und so führte ich im Herbst 2017 meine erste Tour. Seitdem habe ich bereits über 1000 Touren geleitet!

 

Was ist darüber hinaus deine Motivation, Touren zu machen?

Anfangs bin ich bei Touren von anderen Guides mitgegangen, um mir ein Bild zu machen. Dabei fiel mir auf: Es waren nur Männer. Die Gegenüberstellung der Frauen fehlte einfach! Es war mir sehr wichtig, hier anzusetzen, und so stellte ich bald meine eigene Tour zusammen, bei der ich alle Freiheiten hatte, auf das hinzuweisen, was für mich wichtig ist, beispielsweise Themen wie (oft versteckte) Wohnungslosigkeit bei Frauen. Obdachlosigkeit ist nicht bloß männlich!

 

Mit welchen Stereotypen beim Thema Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit bist du konfrontiert?

Es sind viele Vorurteile da! Fast alle denken bei diesem Thema an einen schmutzigen, betrunkenen, obdachlosen Mann. Und dann sind die Menschen, die bei meiner Tour mitgehen, immer sehr erstaunt, wenn ich plötzlich vor ihnen stehe und meine Geschichte erzähle. Ein gängiges Vorurteil ist auch, dass Menschen, die auf der Straße leben, faul sind. Es ist mir aber wichtig zu zeigen, dass hinter all diesen obdachlosen und wohnungslosen Menschen Schicksale stehen. Niemand lebt auf der Straße, weil es so viel Spaß macht.

 

Wie reagieren die Menschen auf deine Geschichte?

Das Feedback ist immer extrem positiv und die Leute bekommen im Lauf der Tour bzw. danach eine andere Sichtweise auf das Thema. Die Gespräche sind immer sehr respektvoll und auf Augenhöhe, das gibt auch mir viel Auftrieb.

 

Du weist bei deiner Tour auch oft darauf hin, dass speziell für Frauen in der Wohnungslosigkeit Angebote fehlen.

Das ist tatsächlich ein großes Problem! Für Frauen ist es noch schwieriger Schutz zu finden als für Männer. Die Hürde, in gemischte Tageszentren zu gehen, ist für Frauen sehr hoch, weil diese Einrichtungen ja auch fast ausschließlich von Männern bewohnt sind. Ich schätze aber, dass ca. 1/3 der wohnungslosen Menschen Frauen sind, und Angebote wie z. B. das FrauenWohnzimmer​ oder die Chancenhäuser​ sind viel zu selten!

 

Welche Initiativen müssen sonst noch auf politischer und struktureller Ebene gesetzt werden?

Schnellere Hilfe ist wahnsinnig wichtig! Ich konnte oft beobachten, wie wohnungslose Menschen den Glauben an das System verloren haben, während sie monatelang auf Hilfe warten mussten. Es ist auch sehr schwer, von ganz unten wieder anzufangen. Ich hätte da zum Beispiel die Idee von zinslosen Mikrokrediten. Das würden den Start in ein „normales Leben“ extrem erleichtern, dadurch könnte dann etwa der Beitrag für den Genossenschaftsanteil für eine Wohnung bezahlt werden.

 

Entscheidungen der Politik sind dringend notwendig. Aber was kann auf individueller Ebene getan werden?

Spenden für spezielle Einrichtungen, zum Beispiel Hygieneartikel für Institutionen wie das FrauenWohnzimmer, helfen immer. Und sonst: Hör auf dein Bauchgefühl! Man kann auch einfach zielstrebig zu einem wohnungslosen Menschen gehen und fragen, ob etwas gebraucht wird. Und sei es nur eine Semmel! Ich hätte mich damals sehr gefreut, wenn mich einfach mal jemand angesprochen hätte. Nach dem Motto: Hinschauen und nicht wegschauen! Ich vermisse oft den sozialen Gedanken bei Menschen und Zivilcourage! 

Ich habe letztens einem Augustin-Verkäufer am Schwedenplatz geholfen, der in eine furchtbare Diskussion verwickelt war. Ich bin hingegangen und habe meine Hilfe angeboten, während alle anderen bloß vorbeigegangen sind und geschaut, aber nicht geholfen haben. Gerade vor dem Hintergrund meiner eigenen Geschichte ist es mir jetzt auch sehr wichtig zu helfen und mich sozial zu engagieren, zum Beispiel auch bei der ​Wichtel Challenge​, wo Weihnachtswünsche sozial bedürftiger Menschen erfüllt werden.

 

Noch ein kurzes Wort zu deiner Auszeichnung als Frau des Jahres?

Ich bin sprachlos und wahnsinnig stolz darauf. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass gerade ich mit dieser Vergangenheit plötzlich so im Fokus stehe!