Verantwortung ist eine Chance, die Zukunft zu gestalten

Ein Gespräch über Erinnerung, Widerstand und Zukunft.


In einer Zeit, in der rechtsextreme Tendenzen wieder zunehmen und die Erinnerung an den Widerstand gegen den Faschismus zunehmend angegriffen wird, ist es wichtiger denn je, Werte wie Menschlichkeit und Solidarität zu würdigen. Indem wir Grüne Leopoldstadt die „Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freundinnen“ als „Frauen des Jahres 2025“ auszeichnen, setzen wir ein starkes Zeichen dafür, dass antifaschistischer Widerstand nicht nur Geschichte ist, sondern auch heute aktiv verteidigt und weitergetragen werden muss. Erinnerungspolitik ist nicht nur eine Pflicht gegenüber der Vergangenheit, sondern auch eine Verantwortung für die Zukunft. Ich habe mit den Nachkommen und Freund:innen der Ravensbrückerinnen über die Bedeutung von Bildung, Widerstand und Solidarität in der heutigen Zeit gesprochen. Einen Bericht über die Preisverleihung am 8. März 2025 findest du hier.

Warum ist Erinnerungspolitik immer auch Zukunftspolitik?

Erinnerungspolitik ist immer ein Spannungsfeld zwischen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Verantwortung für die Zukunft. Es ist gut, dass sich auch die Erinnerungspolitik im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat. Zum Beispiel wird heute mehr Aufmerksamkeit auf Opfergruppen gelenkt, die früher wenig Beachtung fanden – wie homosexuelle Frauen im KZ oder die als „asozial“ verfolgten Menschen. Auch die Erinnerung an Lagerbordelle ist heute ein Thema, über das man sprechen kann. Es geht darum, dass wir die Erinnerung lebendig halten und mit den Herausforderungen der Gegenwart verbinden.

Überlebende des KZs Ravensbrück und die Präambel des Vereins in Schreibschrift

Wie kann man nachfolgende Generationen vor dem Faschismus warnen?

Das hat viel mit Bildung zu tun, aber es ist nicht nur eine Frage des Wissens, sondern auch des Selbstwertgefühls. Faschismus betrifft nicht nur Menschen mit geringer formaler Bildung – das haben wir in der Geschichte gesehen. Die Großindustriellen haben den Faschismus unterstützt, weil sie von ihm profitierten. Leider wird der Widerstand in den Schulen zu wenig behandelt, vor allem der Widerstand von Frauen. Dabei gab es auch in Österreich mutige Widerstandskämpferinnen, deren Geschichten viel zu wenig bekannt sind.

Was habt ihr von den überlebenden Ravensbrückerinnen mitgenommen?

Die Ravensbrückerinnen haben uns vor allem eines gezeigt: Widerstand ist möglich. Was sie uns mitgegeben haben, war mehr als nur ein „Nie wieder Faschismus!“ oder „Nie wieder Krieg!“, es war der Wille, diesen Widerstand aktiv fortzuführen. Es geht nicht nur darum, sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern auch darum, das „Nie wieder!“ mit konkreten Inhalten zu füllen. Die Solidarität und der Überlebenswille der Ravensbrückerinnen waren zentral. Sie haben gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur zu erinnern, sondern auch in der Gegenwart zu handeln. Nicht nur zu gedenken, sondern auch zu mahnen!

Die "Ravensbrückerinnen" bei einer Ehrung

Welche Lehren sollen wir aus dem antifaschistischen Widerstand ziehen?

Der Mut, zu widersprechen, ist der wichtigste Punkt. Heute ist es häufig so, dass Menschen aus Angst vor Konsequenzen schweigen oder sich anpassen. Der Widerstand muss immer wieder neu organisiert werden, auch in schwierigen Zeiten. Zivilcourage ist wichtig, und sie kann auf viele Arten gezeigt werden. Es braucht Widerstand und Orgaisation. Was im Alltag zählt, ist der Mut zu widersprechen, der Mut, sich zu zeigen, und der Mut, nicht wegzusehen. In einer Zeit, in der viele Menschen aus Angst vor Repressalien schweigen, müssen wir uns gegenseitig stärken.

Welche aktuellen Entwicklungen bereiten euch Sorgen?

Ein großes Problem ist die Verrohung der Sprache. Sprache schafft Realität, und sie hat eine immense Macht. Wenn wir sehen, wie in der politischen Diskussion die Sprache zunehmend verroht, macht uns das Sorgen. Auch die Uneinigkeit unter antifaschistischen Kräften ist ein Problem. In einer Zeit, in der sich der Faschismus immer wieder in neuen Formen zeigt, wäre es wichtig, das antifaschistische Gruppen enger zusammenarbeiten. Aber auch das digitale Zeitalter spielt eine Rolle: Plattformen wie TikTok, Facebook, X oder andere, die von wenigen großen Akteuren kontrolliert werden, verbreiten gezielt negative Emotionen, was die politische Stimmung beeinflusst. Wir leben in einer Ära des digitalen Faschismus.

Was zeichnet eure Arbeit aus?

Unsere Arbeit lebt von der Aufklärung und dem Dialog. Wir gehen auf Demonstrationen, halten Vorträge in Schulen und suchen den Austausch, auch mit Menschen, die nicht unserer Meinung sind. Es geht darum, Wissen zu vermitteln und die Menschen dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen. Die Ravensbrückerinnen haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, dass „Nie wieder!“ nicht nur ein Schlagwort ist, sondern ein aktives Handeln erfordert. Ihre Geschichten sind nicht nur Teil der Geschichte, sondern auch Teil unserer Verantwortung.

Gruppenbild des Vereins "Die Ravensbrückerinnen" mit Nina Nöhrig, Frauensprecherin der Grünen Leopoldstadt

Was wollt ihr uns noch mitgeben?

Der Kampf gegen den Faschismus ist nach wie vor notwendig und wichtig. Solidarität muss wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Wir müssen die Verantwortung übernehmen, für die Zukunft und gegen die Faschist:innen, die immer wieder auftauchen. Die Ravensbrückerinnen haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten und dass Widerstand immer möglich ist – auch in schwierigen Zeiten. Solidarität ist der Schlüssel. Und Verantwortung ist keine Last, sondern eine Chance, die Zukunft aktiv zu gestalten. Verantwortung macht Spaß!


Die „Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück & Freund:innen“ setzt sich für das Gedenken an die Überlebenden und alle Frauen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und ihre Geschichten ein. Seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg engagiert sich die Gemeinschaft besonders für die Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie bewahrt das Vermächtnis von Überlebenden, die trotz Verfolgung und Haft nie aufhörten, für eine bessere, gerechte Zukunft zu kämpfen. Durch Bildung, Aufklärung und Gedenkinitiativen bleibt die Erinnerung lebendig und die antifaschistische Arbeit wird fortgeführt.



Das Projekt „Frauen des Jahres“ der Grünen Leopoldstadt zeichnet jährlich zum Internationalen Frauentag Frauen und Initiativen aus, die sich durch besonderes Engagement für die Gemeinschaft hervorgetan haben. Im Jahr 2024 wurde Mirjam Mieschendahl, Gründerin der Plattform imGrätzl.at, stellvertretend für alle lokalen Macherinnen geehrt. In den Jahren davor wurden unter anderem der Verein „Orient Express“ oder auch die Frauen von „Train of Hope“ für ihre Unterstützung Geflüchteter ausgezeichnet.