Unsere Frauen des Jahres 2022
Jede fünfte Frau ist ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Weil jede dieser Frauen eine zu viel ist, wollen wir mit dem Preis für die „Frauen des Jahres 2022“ ein Zeichen für den Kampf gegen Gewalt an Frauen setzen.

Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten: von struktureller Gewalt als Folge gesellschaftlicher Macht- und Ungleichverhältnisse über körperliche, psychische und sexualisierte bis zu wirtschaftlicher Gewalt.
Betroffene Frauen, die den Mut aufbringen, sich aus dieser Gewaltspirale zu befreien und ein selbstbestimmtes Leben führen, setzen damit ein starkes Zeichen gegen Gewalt – sie alle wollen wir zu unseren „Frauen des Jahres 2022“ ehren.
Stellvertretend verleihen wir den Preis an den Verein Orient Express, der mit seiner vielfältigen Arbeit einen wichtigen Beitrag gegen Gewalt gegen Frauen leistet.
Orient Express ist ein feministischer Verein für Frauen mit Migrationsgeschichte, der sich das Empowerment von Migrantinnen zum Ziel gesetzt hat. Der gemeinnützige Verein, der einen Safe Space für Migrantinnen bietet, begann seine Arbeit vor über 30 Jahren. Aus dem Angebot von Deutschkursen entwickelten sich die Beratungsstelle, dazu später dann die Koordinationsstelle gegen Verschleppung und Zwangsheirat sowie die Schutzeinrichtungen.
Ich habe mit Najwa Duzdar und Mona Aglan vom Verein Orient Express über wichtige Rahmenbedingungen für einen Kampf gegen Gewalt an Frauen gesprochen:
Anfangen, bevor es zu spät ist. Was wie das Motto für den ersten Satz unseres Interviews klingen mag, ist gleichzeitig das Stichwort zum Thema Präventionsarbeit.
Mona Aglan (MA): Es kann nie früh genug angesetzt werden. Umfangreiche Präventionsarbeit hilft, schneller und früher zu handeln, außerdem ist Sensibilisierung wichtig, um Dinge beim Namen zu benennen und passende Hilfsangebote zu suchen. Genauso wichtig sind mehrsprachige, niederschwellige Therapieangebote für Frauen und Männer. Bei Männerberatungen wird jetzt viel investiert, beispielsweise verpflichtende Beratungsstunden für Männer bei Betretungsverboten. Aber auch das ist nur ein Anfang.
Der Schritt, aus einer Gewaltbeziehung auszubrechen und Hilfe zu holen, ist sehr schwierig – welche Unterstützung zur Selbstermächtigung braucht es?
Najwa Duzdar (ND): Nicht wertend sein, denn das kann schnell ein Schamgefühl bei der Betroffenen auslösen. Kleine Schritte machen, um keinen belastenden Druck aufzubauen. Sowohl als Angehörige oder Freundin einer Betroffenen, aber auch bei uns als Institution muss die Tür immer offen stehen. Was passieren soll, muss immer die Entscheidung der Betroffenen sein. Der Weg ist manchmal lange; es gibt auch Frauen, die immer wieder zum Täter zurückkehren. Aber auch hier ist es wichtig, den Druck rauszunehmen.
MA: Es ist verständlich, dass der Schritt, sich gegen Gewalt zu wehren, ein langer Prozess ist. Entscheidend ist auch immer, eine Vertrauensbasis aufzubauen, ob als Angehörige oder als Sozialarbeiterin. Essenziell ist eine niederschwellige, mehrsprachige und kostenlose Beratung – egal ob persönlich, telefonisch oder online.
Ist Bildung die Basis für Selbstermächtigung?
ND: Bildung ist ein wichtiger Aspekt für ein selbstbestimmtes Leben! Nicht umsonst begann Orient Express als Lernzentrum, neben dem Lernen werden ja gleichzeitig auch Räume für Frauen mit Migrationsgeschichte geschaffen. Hier haben sie ihren Freiraum, können sich öffnen und vernetzen. Dabei ist es auch wichtig, potenzielle Traumata im Lernprozess zu berücksichtigen. Zum Glück konnten wir im Rahmen eines eigenen Projektes Materialien für traumasensiblen Unterricht entwickeln, die sonst speziell im Alphabetisierungsbereich schwer zu bekommen sind.
Was ist von politischer und institutioneller Seite her wichtig?
ND: Kooperation und Vernetzungsarbeit auf Augenhöhe, auch mit der Polizei, der Kinder- und Jugendhilfe, den Bezirksbehörden … Eine Vernetzung ist bei einer Gefährdungseinschätzung zentral. Wichtig ist auch Bewusstseinsbildung. Wir bieten Seminare für Pädagoginnen an oder Exkursionen für Studierende der Sozialen Arbeit an FHs. Auch gegen strukturelle Gewalt müssen wir ankämpfen.
MA: Ich wünsche mir eine niederschwellige und schnelle Vergabe von Wohnungen für Klientinnen. Um aus der Gewaltspirale auszubrechen, braucht es auch eine gesicherte Existenz, die viele Betroffene nicht haben, weil sie wirtschaftlich von ihren gewalttätigen Ehemännern abhängig sind. Stattdessen sind sie mit zahlreichen bürokratischen Hürden konfrontiert, bevor sie wieder auf eigenen Beinen stehen können. Sie haben etwa keinen gültigen Aufenthaltsstatus oder verlieren ihn durch Scheidung, leistbarer Wohnraum ist Mangelware und dafür sind zahlreiche Voraussetzungen notwendig.
2022 stehen wir bei einem Budget des Frauenressorts von 18,4 Mio., wobei rund die Hälfte des Gesamtbudgets für Maßnahmen im Bereich Gewalt gegen Frauen zur Verfügung steht. Spürt ihr etwas von der Erhöhung?
ND: Wir können dadurch ein laufendes Projekt verlängern sowie ein Präventionsprojekt starten. Die größte Herausforderung aber ist die Form der Finanzierung als Projektfinanzierung – tatsächlich aber brauchen NGOs eine Basisfinanzierung, um langfristig planen zu können. Der administrative Aufwand für Projektfinanzierungen geht auf Kosten unserer zeitlichen Ressourcen für Beratungen.
Sind die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen im Kontext von Gewalt gegen Frauen ausreichend?
ND: Der bestehende Strafrahmen sollte auch so durchgesetzt werden. Bei den Verurteilungsquoten und den Quoten der eingestellten Verfahren zeigt sich, dass viele Verfahren eingestellt werden oder die Täter eine verhältnismäßig geringe Strafe bekommen.
MA: Betroffene haben auch oft Schwierigkeiten mit der Polizei, zum Beispiel wenn sie aufgrund eines ungesicherten Aufenthaltsstatus negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben oder sich nicht ernst genommen fühlen. Das Ziel für Betroffene ist ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben, da ist es verständlich, wenn sie sich den Schikanen durch die Polizei oder Behörden nicht aussetzen wollen.
Mein Kampf gegen Gewalt an Frauen
MUTIG ist ein Lehrgang des Vereins Orient Express zur Ausbildung von Multiplikator:innen und richtet sich an junge Frauen mit Migrationshintergrund, die ihr Wissen rund um die Themen Frauenrechte, geschlechterbasierte Gewalt und Zwangsheirat erweitern wollen.
Hier berichtet eine Teilnehmerin des Lehrgangs.
„Als ich den Flyer zum MUTIG-Lehrgang sah, habe ich keine Sekunde gezögert, daran teilzunehmen. Jede:r von uns muss und kann dazu beitragen, dass jede Frau, die von Gewalt betroffen ist, Gerechtigkeit erfährt. Viele Frauen haben nicht genug Informationen zu diesem Thema oder trauen sich nicht, Hilfe zu holen – egal ob anonym oder direkt bei der Polizei – und klar und deutlich zu sagen, dass sie Gewalt erfahren. Dann gibt es auch Fälle, die bei den falschen Beamt:innen landen und deshalb falsche Informationen bekommen. Meine Rolle als Multiplikatorin ist mir wichtig, da es so viele Frauen gibt, die glauben, mit ihren Problemen alleine zu sein – aber niemand ist alleine!
Aus diesem Projekt habe ich sehr viele Informationen mitgenommen, die ich nun weitergebe und somit anderen Frauen helfe. Es hat mich auch ermutigt, Ende März selbst eine Veranstaltung zum Thema Gewalt gegen Frauen zu planen und einen Podcast zu machen.
Wir dürfen nicht aufgeben! Viele Frauen haben es nicht leicht auf dieser Welt, aber es liegt in unseren Händen allen zu zeigen, dass wir etwas Besonderes sind. Nicht um es irgendwem zu beweisen, sondern für uns. Schließlich sollte es egal sein, wie jemand über uns denkt. Wir dürfen uns nicht runterziehen lassen oder uns von irgendwem was sagen lassen. Fühle dich nicht allein, hol dir Hilfe, sprich mit jemandem, sei stark und kämpfe für dich, lass dich nicht einschüchtern. Ich ermutige jede Frau, am Lehrgang teilzunehmen und somit anderen Frauen zu helfen.“
Die Preisverleihung

Der Abend der Preisverleihung, die im Kulturaum Spitzer stattfand, stand nicht nur im Zeichen eines Kampfes gegen Gewalt an Frauen, sondern war auch von dem Krieg in der Ukraine überschattet, auf den auch Meri Disoski, Nationalratsabgeordnete und Sprecherin der Grünen Frauen Österreich, in ihrer Rede hinwies.
Man könnte meinen, die Stimmung der Besucher:innen war sehr getrübt,
denn nicht nur der Krieg in der Ukraine ist präsent – am Internationalen Frauentag stellt sich natürlich auch immer die Frage, warum es überhaupt so einen Feiertag braucht.

Warum sind wir noch immer mit einem großen Gender-Pay-Gap konfrontiert? Warum verrichten Frauen nach wie vor einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit? Warum sind die Medien voll von sexistischer und gewaltverharmlosender Berichterstattung?
Warum sind wir auch im Jahr 2022 noch immer so weit von Gleichstellung entfernt?
Dennoch: Die Stimmung war nicht getrübt, sondern voller kraftvollem, feministischem Bewusstsein. Auch wenn viele Gäste berührt sind und ihnen der Schock in Gesicht geschrieben steht, als eine ehemalige Klientin des Vereins auf der Bühne ihre Geschichte schildert, wie sie es mit Hilfe von Orient Express schaffte, wieder ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben zu führen.
Aber jede dieser Geschichten zeigt uns, wofür sich der Einsatz lohnt – und es zeigt natürlich auch eindrucksvoll, wie wichtig die Arbeit von Orient Express ist und warum diese Auszeichnung für den Verein mehr als verdient ist!
Meri Disoski und Vicky Spielmann, Gemeinderätin und Sprecherin der Grünen Frauen Wien, sowie Justizministerin Alma Zadic, würdigten in ihren Reden die Arbeit des Vereins.
Dem kann ich mich nur anschließen: Ich freue mich sehr, dass wir die großartigen Kolleginnen von Orient Express stellvertretend für Frauen, welche aus der Gewaltspirale ausbrechen, ehren und sie bei ihrer Arbeit unterstützen können.
Auch das abschließende Musikstück der wunderbaren Musiker:innen Sakîna Têyna, Basma Jabr und Mahan Mirarab, die uns musikalisch durch den Abend begleiteten, ist sehr dynamisch und gibt viel positive Energie – die man für den Kampf gegen Gewalt an Frauen jedenfalls braucht!


